Comic-Blog

Platthaus_AndreasSmells like teen spirit, aber mit Veilchenduft
von Andreas Platthaus

Hut ab vor zwei kanadischen Cousinen: Mariko und Jillian Tamaki haben mit „Ein Sommer am See“ einen grandiosen Jugendcomic geschaffen – über Jugendliche, aber für Leser aller Generationen

Machen wir doch einfach so weiter, es hat ja Charme, und genug Auswahl ist auch da. Also hier die Fortsetzung meiner kleinen Folge von Einträgen zu Comics, die sich den Werken von Autorinnen widmen. Diesmal aber geht es wieder weg aus Deutschland, über den Atlantik in die Vereinigten Staaten, wo zwei kanadische Cousinen ein wahrhaft dickes Ding zustande gebracht haben: „This One Summer“, gerade auf Deutsch als „Ein Sommer am See“ erschienen bei Reprodukt, 320 Seiten stark (wobei der Band noch dicker wirkt, aber das liegt am verwendeten Papier, auf dem die monochrome blaugraue Zusatzfarbe besonders gut zur Geltung kommt).

Jillian und Mariko Tamaki sind japanischer Abstammung, aber beide in Kanada geboren, und das die Kombination von fernöstlichem Kunstverständnis und neuweltlicher Prägung eine erfolgversprechende Kombination für Comic-Künstler ist, wissen wir seit Adrian Tomine. Ds erste Werk, das Mariko Tamaki für ihre Cousine schrieb, war das autobiographisch geprägte „Skim“, in dem die Jugend einer jungen Kanadierin japanischer Herkunft in den frühen neunziger Jahren erzählt wird. In „Ein Sommer am See“ ist die Protagonistin, Rose Abigail Wallace, nicht nur etwas jünger als Skim, sondern sie ist auch die Tochter eines kaukasischen kanadischen Paars. Die Tamakis entfernen sich also von ihrem eigenen biographischen Hintergrund, und da die Handlung in der Gegenwart angesiedelt ist, auch von ihrer eigenen Generation.

Sommer für Sommer fahren die Wallaces in ein Ferienhaus an einem der großen kanadischen Seen, die Strände wie am Meer bieten. Dort hat Rose als Kind die anderthalb Jahre jüngere Wendy kennengelernt, und die gemeinsamen Wochen im Sommer sind ein festes Freundschaftsritual, ehe man sich dann wieder für fast ein Jahr trennt. Nun sind beide in oder am Rande der Pubertät, und die Gesprächsthemen wechseln. Die jüngere Wendy ist viel neugieriger auf Jungs als Rose, auch viel extrovertierte, aber Rose wiederum verliebt sich in einen lokalen Kioskverkäufer, der aber schon eine feste Freundin hat.

Eine Teenagergeschichte also, und ich mache keinen Hehl daraus, dass ich wenig Lust hatte, sie zu lesen. Wieder mal eine Graphik, die alles von Craig Thompson übernommen hat, wieder mal ein Coming-of-Age-Thema, wieder mal eine Ferienerzählung – Klischee hoch drei, dachte ich. Falsch gedacht. Die Tamakis erzählen wunderbar leicht, es gibt keine falschen Dramen (aber einige echte, die sich jedoch unterschwellig abspielen), und vor allem haben sie ein traumwandlerisches Gespür für die Psychologie ihrer Figuren – sowohl erzählerisch als auch graphisch. Selten habe ich etwas Glaubwürdigeres gelesen. Teenagerfreundschaft und Teenagerliebe aus Mädchensicht, nie aggressiv, stets genau beobachtet, nie langweilig. Nicht „Tschick“, nicht Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“, aber genauso brillant.

Zugleich sind Ort und Zeit auf eigentümliche Weise der Realität entrückt. Ich kenne die kanadischen Seen, doch eine Atmosphäre wie in „Ein Sommer am See“ habe ich dort noch nicht erlebt, wobei das gar nicht stört, sondern nur noch mehr Faszination schafft. Und die Geschichte würde auch in den fünfziger Jahren funktionieren, doch die Dekors und Details sind ganz gegenwärtig – es ist die Stimmung, die diesen Comic im besten Sinne zeitlos erschienen lässt. Und das wiederum passt zur kindlichen Wahrnehmung der Sommerferien als endloses Abenteuer, wie sie zuletzt im Bilderbuch „Die Regeln des Sommers“ von Shaun Tan (asiatischer Abstammung, in Australien aufgewachsen) so meisterhaft eingefangen worden ist.

Schon der Beginn ist unkonventionell: Geräusche ohne Bilder dazu, dann zwei Panels im linken oberen Viertel einer Seite, ein Dialog außerhalb von Sprechblasen, also quasi aus dem Off, und dann ein bis an die Ränder reichendes ganzseitiges Bild ohne Worte – wieder reines Stimmungsphänomen, eine verwunschene Szene familiärer Zuneigung und zugleich typische Ferienkonstellation, ehe diese Ruhe aufgebrochen wird durch ein sich über die obere Hälfte einer Doppelseite ersteckendes Panel mit dichtem Autoverkehr, so dass die pastorale Szene des Anfangs sich als Rückblick erweist, als ein Idealbild von Urlaub, der diesmal anders, hektischer ablaufen wird. So subtil erzählt Mariko Tamaki, und so konsequent setzt Jillian Tamaki das in Bilder um. Wer sehen will, wie das geht, der sehe sich die Leseprobe an, die allerdings eine etwas spätere Sequenz bietet.

Die große Meisterschaft des Bandes liegt in der Ausnutzung der Seitenarchitektur. Wo Leerflächen gelassen werden, das ist mindestens so wichtig wie die doppelseitigen stummen Bilder, die als Ruhepole und zugleich Spannungshöhepunkte der Handlung fungieren. Zugleich setzt sich aus den Dialogen und Aktionen der Figuren Stück für Stück das Familienleben der Wallaces zusammen, in dem es eine Belastung gibt, die auf sehr kluge Weise eine Spiegelung im Konflikt findet, den Rose mit dem von ihr bewunderten Jungen austragen muss. Und das Finale der Geschichte, in dem die Bilder wieder zu Geräuschen werden, ist eine perfekte Abrundung des Geschehens.

Schließlich ein Wort zur Übersetzung durch Tina Hohl. Sie ist schlüssig. Ich habe keinen Vergleich mit dem Original angestellt, aber die Sätze und Sprachtönungen passen zu den Bildern. Man spürt bei Comics, ob die Sprache stimmt. Und hier stimmt sie. Genau wie das Lettering von Michael Hau. Ein Genuss. Der richtige Comic für den Sommer.

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Platthaus_AndreasJedem Tierchen sein Massakrierchen
von Andreas Platthaus

Verena Braun zeichnet einen höchst ungewöhnlichen Genrecomic: ihr Wildwest-Abenteuer „Adamstown“

Vor bald zwei Jahren druckte die in Hildesheim erscheinende Literaturzeitschrift „Bella triste“ einen Comic ab. Wobei es nur ein Auszug war, ein Kapitel aus einem schwarzweißen Großprojekt namens „Adamstown“. Die Autorin, mir damals noch völlig unbekannt, hieß Verena Braun. Was sie da auf gerade einmal acht Seiten zeigt, hätte aber im besten Sinne auch von einer Veteranin des deutschen Comics stammen können.

Wobei Verena Braun nach eigenen Angaben auch satte sieben Jahre daran gezeichnet hat, und wenn man sich die Detailfülle der 130 Seiten des nun erschienenen vollständigen Albums anschaut, ist man geneigt, es zu glauben. Zumal das in eine Zeit zurückführen würde, als Lewis Trondheims und Joann Sfars französischen Comicreihe „Donjon“ auf dem Höhepunkt ihres Ruhmes stand und Christophe Blain „Isaak der Pirat“ veröffentlichte, und von beiden Serie ist „Adamstown“ deutlich geprägt. Ästhetisch, denn Verena Braun mischt realistische mit phantastischen Figuren, in ihrem Fall Menschen und sprechende Tiere, und erzählerisch, denn es ist schon eine ziemlich ausgeflippte Gemeinschaft, die da im Wilden Westen zusammenfindet.

Adamstown war die gemeinsame Gründung eines Menschen, Adam Sanders, und eines Fischs, namens Steve Johnson (zumindest sehen Steve und seine Nachfahren sehr nach Fischen aus). Durch einen alten Indianerfluch war es Menschen unmöglich, an diesem Ort zu bauen, aber an siedelnde Tiere hatten die Rothäute wohl nicht gedacht. Also taten sich Sanders und Johnson zusammen, wobei die Benennung der neuen Stadt nach Ersterem schon zeigt, wer da wen später übers Ohr haute. Die Johnsons versuchen, sich ihren Teil an Adamstown zurückzuholen. Hier setzt die Geschichte ein.

Es gibt sprechende Pferde, Katzen, Hunde, Vögel – alles, wie man es aus Disney-Comics gewöhnt ist und seit Art Spiegelman auch im sehr anspruchsvollen Segment verwendet sieht. Verena Braun spielt mit unseren Sehgewohnheiten und nimmt zugleich die Tiere als das, was sie sind: Vertreter des harten Naturgesetzes. Sie kennen keine Gnade. Die Menschen allerdings auch nicht, und so steht man doch eher auf der Seite der buchstäblichen Underdogs. Alle Tiere wollen übrigens endlich eine Bank in Adamstown bauen, und am Schluss sind nach unzähligen Wirren, Intrigen und auch mancher Schießereil gleich vier solcher Institutionen fertig. Erstaunlicherweise blüht Adamstown dadurch gehörig auf – in unseren Krisen-Zeiten hätte man wohl eher mit dem Untergang gerechnet.

Aber Verena Braun bringt die Sache zu einem wirklich guten Ende. Man merkt ihr den Spaß an der Sache an – sonst hätte sie wohl auch nicht sieben Jahre lang daran gearbeitet. Im Netz kann man einen eigens produzierten Soundtrack zum Comic herunterladen, und es gab auch schon eine szenische Lesung, in der die Zeichnerin in Cowboykluft das Abenteuer vorgestellt hat.

Zu diesem Engagement passt, dass Verena Braun sich von der Absage durch einige Comicverlage nicht entmutigen ließ und ihren Band per Crowdfunding nun im Selbstverlag herausgebracht hat. Wer ein sehr ungewöhnliches deutsches Comicalbum lesen will, der ist hier gut bedient. Man muss die Publikation des Verlags Loup Blanc Productions nur noch finden.

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Platthaus_AndreasIhr ist so melancholisch wohl
von Andreas Platthaus

Gezeichnete Liebeserklärung an eine Stadt: Alexandra Klobuk wird verzaubert und verzaubert uns mit ihrem überreich illustrierten Buch „Lissabon im Land am Rand“

Letzte Woche kamen an dieser Stelle deutsche Comiczeichnerinnen gleich dutzendweise vor. Das lag einerseits daran, dass die damals gewürdigte Anthologie „Spring“ nur von Frauen bestritten wird, aber andererseits auch daran, dass die Zeichnerinnen immer prägender in der deutschen Comicszene werden. Um eine Künstlerin (oder besser Erzählerin), die im klassischen Sinne nicht dazu gehört, weil sie bislang keine Comics gezeichnet hat, soll es heute gehen. Alexandra Klobouk jedoch hat das Zeug zur großen Comiczeichnerin, wie man ihren Buchillustrationen ansehen kann.

Die stellen nämlich mehr als genug Material für Bildergeschichten dar, zumal die 1983 in Regensburg geborene, heute in Berlin lebende Klobouk ihre Bücher meist selbst schreibt und dementsprechend auf einen subtilen Gleichklang von Text und Illustrationen achtet. Das war schon so bei ihrem Erstling, dem wunderbaren Stadtporträt „Istanbul, mit scharfer Sauce“, erschienen 2010 beim Verlag Onkel & Onkel, wo nur ein Jahr später auch das Bilderbuch „Polymeer“ herauskam. Als ich Alexandra Klobouk damals fragte, was sie sich als nächstes vornehmen würde, sagte sie: ein Buch über Lissabon.

Als dann 2013 beim Kunstmann-Verlag „Die portugiesische Küche“ erschien, ein reich illustriertes, aber auch mit ganzseitigen Fotos durchsetztes Kochbuch, dachte ich, dass das wohl die Umsetzung der Ankündigung sein sollte und war enttäuscht. Denn auch wenn das Kulinarische schon im Istanbul-Buch eine wichtige Rolle gespielt hatte (was man ja bereits dessen Titel abliest), standen darin doch die Stadt selbst und ihre Bewohner im Mittelpunkt, im Kochbuch aber naturgemäß Rezepte. Was ich jedoch nicht wusste, war, dass das eigentliche Lissabon-Porträt noch ausstand.

Jetzt ist es erschienen: „Lissabon im Land am Rand“, wie auch schon das Istanbul-Buch zweisprachig, im handlichen Kleinformat (sozusagen reiseführertauglich) und mit einer plakativ-attraktiven Zusatzfarbe, diesmal einem hellen Blau. Kurz: Alles ist wieder so wie bei „Istanbul, mit scharfer Sauce“, nur dass Alexandra Klobouk abermals den Verlag gewechselt hat – jetzt ist es Viel & Mehr in Berlin, auf dessen Website es auch einen Einblick ins Buch gibt, weiteres ist bei der Zeichnerin selbst zu finden. Und was sich noch geändert hat: Die Liebe der Autorin zur portugiesischen Hauptstadt übersteigt sogar noch ihre Begeisterung für die türkische Metropole. „Die Magie von Lissabon“ ist eine Formulierung, die einige Male vorkommt, und man sieht Alexandra Klobouks Bildern an, wie bezaubert sie von der Stadt gewesen ist.

Ein Jahr war sie da, mitten in der größten Wirtschaftskrise Portugals, und die hat Spuren im Buch hinterlassen. Der Faszination der jungen Deutschen für ihre Heimatstadt auf Zeit steht das Bestreben der Lissaboner Jugend entgegen, sich ins Ausland abzusetzen, um ein Auskommen zu finden – gerade auch gern nach Berlin. Mittels kleiner Beobachtungen und aufgeschnappter Gesprächsfetzen zeichnet Alexandra Klobouk das Bild einer Stadt, die immer schon Ein- wie Ausfallstor für Europa war und deshalb stets im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand, auch wenn Lissabon ganz am äußersten Rand von Europa liegt. Die portugiesische Seehandelsgeschichte ist deshalb als Thema im Buch genauso wichtig wie das große Erdbeben von 1756.

Es gibt ein weiteres gezeichnetes Lissabon-Porträt, die „Lisbonne Carnets“ des legendären französischen Comiczeichnerduos Dupuy & Berberian, das mittlerweile getrennte Wege geht. Dieser querformatige textlose Band erschien 2001, folgte auf ähnliche Bücher über New York und Barcelona und nahm zwei weitere Bände über Tanger und – jawohl – Istanbul vorweg. Und da man nun gleich zwei Städteporträts als direkten Vergleich hat, kann man sagen, dass die deutsche Zeichnerin zwar ganz anders arbeitet als ihre französischen Kollegen, nämlich gleichberechtigt mit Bild und Text, aber doch genau die gleichen Stimmungen einfängt, und das in Bildern, die denen von Dupuy & Berberian nicht unähnlich sind in der spontanen Anmutung, die Skizzen suggeriert, aber natürlich genau kalkuliert ist. Wer solch einen ästhetischen Vergleich aushält, ist jedenfalls selbst eine Große.

Und wenn Alexandra Klobouk auf Doppelseiten eine Straßenbahn die Hänge Lissabons herabfahren lässt oder einen köstlichen Vergleich von Zufallsbegegnungen in der portugiesischen Stadt und in Berlin durchführt, zeichnet sie jeweils Bildsequenzen, die ein phantastisches Gespür für Comics verraten. Nur, dass Klobouk eben noch nie einen Comic gezeichnet hat. Hoffentlich ändert sich das bald. Bis dahin aber kann man sich mit „Lissabon im Land am Rand“ wunderbar trösten. Und da selbstverständlich der Fado darin eine zentrale Rolle spielt, passt Melancholie beim Lesen perfekt.

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Platthaus_AndreasWirkung von Waschbrettbäuchen
von Andreas Platthaus

Cartoons sind keine Comics. Oder doch? Dorthe Landschulz macht jedenfalls Cartoons, die komisch sind. Das kann man jetzt an ihrem neuen Buch überprüfen.

Vergessen Sie mal für ein paar Minuten die Kennzeichnung dieses Blogs als dem Comic gewidmete Reihe. Heute soll es hier um Cartoons gehen. Deren einziger Unterschied zum Comic besteht ja eh darin, dass sie aus nur einem Bild bestehen.

Doch das ist – zumindest wenn man dem einflussreichsten Comictheoretiker der letzten Jahre, dem Amerikaner Scott McCloud, glaubt , eben ein Unterschied ums Ganze: Er definiert Comics als „sequential art“, und für Sequenzielle braucht es zumindest mal zwei Bilder. Wobei McCloud sich um die Frage herumgemogelt hat, wie es denn zum Beispiel um Bestandteile einer Comic-Strip-Serie steht, die nur ein Bild benutzen, zum Beispiel in späten „Peanuts“-Folgen von Charles Schulz. Natürlich würde McCloud sie als Comics anerkennen und die Sequentialität eben aus der Einordnung in ein täglich fortgesetztes Kontinuum folgern, aber was macht ein Leser, der zwar McClouds „Understanding Comics“ kennt, aber keine andere „Peanuts“-Folge? Oder wie verhält es sich mit konsequent fortgesetzten Cartoon-Serie wie früher Gary Larsons „Far Side“ oder Joscha Sauers „Nicht lustig“? Sind das Comics? Nein, ist es natürlich nicht, weil sie nur eine technische, publikationsbedingte, aber keine inhaltliche Sequenzialität aufweisen (selbst wenn Sauer auch über wiederkehrende Figuren verfügt).

Und so ist auch Dorthe Landschulz, die erkennbar an Sauers Serie geschult ist, keine Comiczeichnerin, sondern eine Cartoonistin, obwohl sie einmal eine Serie im Netz publiziert, die „Ein Tag, ein Tier“ heißt und zu Beginn tatsächlich täglich neue Folgen bot (was mittlerweile nicht mehr der Fall ist, siehe dazu ihre Homepage, wo es übrigens auch einen kurzen Comic zu sehen gibt). Die 1976 in Hamburg geborene Zeichnerin lebt mit ihrer Familie in Frankreich und ist trotz ihrer jungen Jahre eine Spätberufene – oder sagen wir besser Spätgelesene, denn ihre Arbeiten sind erst in den letzten beiden Jahren richtig bekannt geworden. 2013 gehörte sie zu den Gewinnerinnen beim Deutschen Karikaturenpreis, 2014 erhielt sie einen Deutschen Cartoonpreis. Klingt ähnlich, sind aber zwei verschiedene Wettbewerbe: der erste von der „Sächsischen Zeitung“ ausgerichtet, der zweite vom Carlsen-Verlag.

Karikaturistin ist Dorthe Landschulz sicher auch nur eingeschränkt. Genuin politische Themen finden sich bei ihr wenige, gesellschaftskritischen schon deutlich mehr, aber besonders gern zeichnet sie auf eine Weise, die vom klassischen Ideal der Karikatur etwa so weit entfernt ist wie der Comedian vom Kabarettisten. Die Cartoonisten sind ja auch die Comedians der komischen Zeichnung, wobei der Begriff erfreulicherweise noch nicht so auf den Hund gekommen ist wie bei den Bühnenkollegen.

Ob man die Cartoons von Landschulz komisch findet, hängt entscheidend von der Bereitschaft ab, sich auf mehr Wort- als Bildwitz einzulassen. Nicht, dass es bei ihr besonders viel zu lesen gäbe (mit der Ausnahme eines Blattes, in dem sie sich über das Vorurteil lustig macht, dass Cartoonistinnen zu viel Text benutzten), aber die Zeichnerin liebt Wortspiele oder auch einfach die Übertragung von situationsbedingten Begriffen auf unpassende Kontexte: so etwa bei dem Gedanken eines in der Badewanne liegenden Mannes, dem eine als Putzfrau ausstaffierte Dame mit einem Wäschestück über den Leib reibt. Der Gedanke lautet: „Ich hatte mir die Wirkung von Waschbrettbäuchen auf Frauen irgendwie anders vorgestellt.“ Und auch sehr profan, aber schön, sind die drei Liegestühle am Strand, von denen einer ruft: „Hilfe, wir brauchen einen Arzt! Rolf ist zusammengeklappt!“

Diese beiden Cartoons sind Teil des neuen Sammelbands von Dorthe Landschulz, der gerade unter dem Titel „Problemzonen“ bei Lappan erschienen ist. Das wurde auch wieder mal Zeit! Denn diese Zeichnerin ist eine meiner großen Hoffnungen in ihrem Fach. Gerade weil mir im Regelfall die Hälfte der Bilder von Dorthe Landschulz missfällt. Bei den meisten ihrer deutschsprachigen Kollegen – die große Ausnahme ist Beck – missfällt mir viel mehr. Dorthe Landschulz erfreut mich also mit jedem zweiten Cartoon. Und bisweilen auch dadurch, dass sich nach dem Lachen das Gefühl einstellt, mich unter meinem Niveau amüsiert zu haben. Was nichts anderes heißt, als dass ich mein Niveau zu hoch eingeschätzt hatte. Wenn Komik auf diese Weise zu Korrekturen im Selbstbild führt, leistet sie mehr als genug. Womit sich Dorthe Landschulz aber nicht zufriedengibt – man sehe sich nur den letzten Cartoon im Band an, den vom ladenden/geladenen Ehemann. Kann man nicht erzählen, muss man sehen.

Sondermann für Michael Sowa!

FAZ Sondermann 02072015
Die FAZ über die Preisverleihung

Der Sondermann e.V. verleiht seinen Bernd-Pfarr-Preis für Komische Kunst in diesem Jahr an Michael Sowa. Mit der Auszeichnung werden Einfallsreichtum und Können des 1945 geborenen Berliner Künstlers gewürdigt, der mit seinen meist kleinformatigen Bildern großen Erfolg hat.

International berühmt wurde er durch seine Mitarbeit an dem Kinofilm „Die fabelhafte Welt der Amélie“; er illustrierte neben zahlreichen eigenen Büchern auch Texte von Hans Magnus Enzensberger, Axel Hacke, Elke Heidenreich, Eva Demski und Gerhard Polt. Die skurrile Phantasie seiner Motive führt die Betrachter immer wieder in die Irre und erzeugt durch abgründige Niedlichkeit bei höchster handwerklicher Virtuosität einen einmaligen humoristischen Effekt.

Die jährlich vergebene, mit 5000 Euro dotierte Auszeichnung ehrt Komik-Künstler, die mit ihrem Werk im Geiste Bernd Pfarrs wirken. Der 1958 in Frankfurt am Main geborene und 2004 in seiner Heimatstadt gestorbene Illustrator, Comiczeichner und Maler schuf mit „Sondermann“ für das Satiremagazin „Titanic“ eine Cartoonserie, die von 1987 bis zu Pfarrs Tod eine Welt präsentierte, in der nichts so war, wie man es erwarten durfte. Zur Pflege seines Andenkens und zur Weiterverbreitung des Pfarrschen Werks gründete sich 2010 der Sondermann e.V. Dessen Bernd-Pfarr-Preis erhielten unter anderen Rudi Hurzlmeier, Greser & Lenz, Stephan Rürup; Rattelschneck, Kamagurka, Ari Plikat, Eugen Egner, Christoph Niemann, Hilke Raddatz und zuletzt Ernst Kahl.

Neben dem Hauptpreis vergibt der Sondermann e.V. auch einen mit 2000 Euro dotierten Förderpreis, der in diesem Jahr an Leonard Riegel geht. Der 1983 in Göttingen geborene Cartoonist lebt in Kassel und publiziert seine Zeichnungen vor allem in der „Titanic“. Die Verleihung beider Preise findet am 11. November 2015, dem Geburtstag Bernd Pfarrs, im Frankfurter Mouson-Turm statt, wo der Sondermann e.V. seine traditionelle Gala zugunsten der Opfer karnevalistischer Umtriebe veranstaltet. Stargast ist diesmal der Berliner Autor und Kabarettist Horst Evers.

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Platthaus_AndreasDie wahren Befreier von Paris
von Andreas Platthaus

Paco Roca erzählt in „Die Heimatlosen“ von der vergessenen Geschichte jener nach dem Bürgerkrieg ins Exil geflohenen spanischen Kämpfer, die sich dann dem alliierten Feldzug gegen das „Dritte Reich“ anschlossen. Aber bietet der Comic auch formal etwas Neues?

Wer eroberte im Sommer 1944 Paris zurück? Darüber streiten sich seitdem die damals Alliierten (die Deutschen sind schön ruhig, obwohl sie’s am besten wissen müssten). Klar ist, dass man die französische Hauptstadt eigentlich beim Vormarsch in Richtung Deutsches Reich umgehen wollte, um nicht unnötig Zeit und Menschen im Straßenkampf zu verlieren. Dass die deutschen Besatzer gerade dort, wo es ihnen vier Jahre lang so gut gegangen war, gar nicht besonders kampflustig waren, übersah man – der fanatische Russlandfeldzug galt als Maßstab und auch der erbitterte Widerstand gegen die alliierte Landung in der Normandie. Aber Charles de Gaulle als Wort- und Heerführer des französischen Exils bestand auf einen Einmarsch in Paris, und natürlich sollten es seine französischen Truppen sein, die die Stadt als Erste befreien sollten.

Um all das ranken sich mehr Legenden, als man Fakten kennt, doch ein skurriles Faktum kommt nun dazu. Man kann es einem Comic entnehmen: „Die Heimatlosen“ von Paco Roca. Das ist eine voluminöse halbfiktionale Schilderung des Schicksals jener spanischen Republikaner, die angesichts Francos Triumph im Bürgerkrieg nach Nordafrika geflohen waren und sich dort später den alliierten Truppen im Kampf gegen Hitler anschlossen, weil sie hofften, dass nach dem Sieg über die Deutschen auch die faschistische Herrschaft in Spanien beendet werde. Es kam bekanntlich anders, Spanien war nie in den Zweiten Weltkrieg eingetreten und wurde deshalb von den Siegern in Ruhe gelassen. Die spanischen Exilkämpfer fühlten sich verraten.

Zumal sie es gewesen waren, die ganz weit vorne beim Einmarsch in Paris dabei waren. Roca, geboren 1969 und derzeit der international erfolgreichste spanische Comicautor, hat für seinen mehr als dreihundertseitigen Band viel recherchiert und ist auch auf jene Kompanie „La Nueve“ gestoßen, die in der Armee des französischen Generals Leclerc an der Invasion von 1944 beteiligt war. Es waren gepanzerte Fahrzeuge dieser Einheit, die in der Nacht vom 24. auf den 25. August bis zum Rathaus der Stadt vordrangen, das sie bereits in der Hand von Pariser Widerstandskämpfern vorfanden. De Gaulle höchstpersönlich würdigte diese Leistung später durch Ordensvergaben und durch die prominente Rolle, die die Soldaten und Fahrzeuge von „La Nueve“ bei der großen Siegesparade auf den Champs Elysées spielen durften. Aber wer weiß heute noch davon?

Und wer weiß überhaupt etwas über diese spanischen Antifaschisten, für die der militärische Kampf nicht sechs, sondern zehn Jahre dauerte, vom Beginn des Bürgerkriegs in ihrer Heimat bis 1945? Zwischendurch waren sie in französischen Lagern in der Sahara interniert, weil sie als Anarchisten oder Kommunisten verdächtig waren, und als Frankreich 1940 kapitulierte, kamen auch in den nordafrikanischen Kolonien die Sympathisanten des Vichy-Regimes und der Kollaboration an die Macht. Plötzlich waren die Spanier also in Feindesland. Roca beschreibt großartig, wie diese alten Seilschaften auch noch dann Hindernisse waren, als Hitlers Niederlage sich schon andeutete.

Das alles kann man natürlich auch in Geschichtsbüchern nachlesen, von denen Roca viel profitiert hat, aber die gibt es nur auf Französisch, Spanisch oder Englisch, nicht auf Deutsch, und seine „Heimatlosen“ haben den Vorzug, eine komprimierte Version des Geschehens mit sehr spannendem individuellen Fokus zu erzählen. Held seines Buchs ist nämlich der greise Miguel Ruiz, der unter seinem Kampfnamen Miguel Campos eine der berühmtesten spanischen Soldaten war, nun aber unerkannt in einer französischen Kleinstadt lebt. Wie es ihn dorthin verschlagen hat, was ihm in den Jahren seines Kampfes widerfahren ist und wie er heute zu seinem damaligen Leben steht, das ist der Gegenstand des Comics, der nach bewährtem Spiegelmanschen Muster eine Rahmenhandlung um die historischen Erinnerungen legt, in denen der Protagonist vom Zeichner zu Auskünften bewegt wird. Diese in der unmittelbaren Gegenwart angesiedelten Passagen zeichnet Roca schwarzweiß, die Vergangenheit bekommt dagegen Farbe – eine interessante Umkehrung des sonst meist üblichen Comicprinzips.

Aber auch schon das Mutigste, was Roca macht, und das ist angesichts der Geschichte von sehr mutigen Männern ein bisschen wenig. Alles ist in sehr kleinen Bildern gehalten, und die Figuren sind wenig individualisiert (Leseprobe); man freut sich schon, wenn eine der historischen Gestalten einen Bart trug, aber das war unter Soldaten nicht eben häufig. Die fiktive Figur von Miguel Ruiz, für die sich Roca bei mehreren realen Vorbildern bedient hat, bekommt eine melodramatische Liebesgeschichte angedichtet, die leider zu wenig aufgebaut wird, um in ihrer Konsequenz fürs ganze Leben des Protagonisten glaubhaft zu sein. Und der stete Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart gibt dem Comic zwar die Möglichkeit, immer wieder erläuternde Anmerkungen in die Dialoge zwischen dem Paco Roca des Buchs und dem Veteranen Miguel zu verlagern, aber dadurch bekommt die Gesamtkonstruktion auch etwas Artifizielles, was durch die Kapiteleinteilung nach den Etappen des einwöchigen Kennenlernens und Vertrauen-zueinander-Findens der beiden Männer noch verstärkt wird.

Zudem ergänzt Roca das Gegenwartsgeschehen noch um die leicht burleske Figur eines jüngeren französischen Nachbarn von Miguel, dessen private Probleme ständig miterzählt werden, fürs eigentliche Geschehen jedoch vollkommen bedeutungslos sind. Hier ist zuviel Überlegung in die Konstruktion geflossen; bei der Narration wäre sie besser aufgehoben gewesen. Nach dem auch schon von Reprodukt verlegten deutschen Debüt Rocas, „Kopf in den Wolken“, das sehr witzig über die Zustände in einem spanischen Altersheim berichtet, und dem in seinem historiographischen Bemühen schon recht angestrengten Band „Der Winter des Zeichners“ über die Situation von Comicschaffenden im Franco-Regime der fünfziger Jahre ist „Die Heimatlosen“ leider ein weiterer Schritt ins scheinbar anspruchsvolle belehrende Fach, das aber mich nur lehrt, jene Zeichner zu achten, die aus gegebenem Material höchstpersönliche Geschichten zu machen. Siehe Jacques Tardi, siehe Art Spiegelman. Sich selbst in die Rahmenhandlung einzuzeichnen taugt nicht als sicheres Rezept, man muss auch neue Wege für die alten Stoffe finden.

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Platthaus_AndreasBesser klauen
von Andreas Platthaus

Michael Cho ist der kommende Star am kanadischen Comicfirmament. Jetzt ist sein Debütband „Shoplifter“ auch auf Deutsch zu haben

Diesen Comic über eine Ladendiebin hätte ich fast gestohlen. Nein, nicht ernsthaft, aber als ich ihn zu Jahresanfang während eines Privatbesuchs in Brooklyn als englisches Original in einem Comicladen liegen sah und darin blätterte, kam bei mir der Gedanke auf, ob Lektüre einen Einfluss auf das eigene Handeln insoweit haben kann, dass es Elemente der Handlung nachvollzieht. „Shoplifter“ spielt in New York (oder zumindest einer sehr ähnlichen Metropole; der Name der Stadt fällt nie) und sieht als Comic so unverschämt gut aus – zumindest für Liebhaber des Stils von Adrian Tomine oder Daniel Clowes, wie ich es bin –, dass man ihn unbedingt besitzen möchte. Aber egal, ob gekauft oder gestohlen, es hätte Gewicht im Fluggepäck ergeben, und im selben Laden lag auch der hinreißende Sammelband mit den „New Yorker“-Zeichnungen von Tomine. Unentbehrlich natürlich und wohl kaum je als deutsche Übersetzung zu erwarten, während „Shoplifter“ vielleicht doch… Und ja, kaum ein halbes Jahr später liegt die deutsche Fassung vor mir. Ehrlich bleiben zahlt sich aus. Den Tomine-Band hatte ich gekauft.

„Shoplifter“ stammt von Michael Cho, einem mir zuvor unbekannten kanadischen Zeichner aus Toronto, dessen Website einen Besuch lohnt. Das er ursprünglich aus Südkorea stammt, verbindet ihn mit dem in San Francisco lebenden Tomine, der wiederum japanischer Abstammung ist. Als These mag es gewagt klingen, aber die Verbindung einer so bildorientierten Kultur wie der ostasiatischen mit den amerikanischen realistischen Erzähltraditionen scheint Comicbegabung zu begünstigen. Mit seiner Debüterzählung (nach etlichen Illustrationen und dem schönen Zeichnungsband „Back Alleys and Urban Landscapes“ über Toronto) landete Cho gleich bei Pantheon, dem renommiertesten Verlag in den Vereinigten Staaten für Graphic Novels.

Auf Deutsch hat sich immerhin Egmont der Sache angenommen und den amerikanischen Titel beibehalten, wobei „Ladendiebin“ nicht schlechter gewesen wäre, zumal man sich dann den sehr dummen Untertitel „Mein fast perfektes Leben“ hätte sparen können. Denn das Leben der Protagonistin Corrina Park ist keinesfalls nahe an der Perfektion. Im Beruf als junge Werbetexterin fühlt sie sich nicht wohl, ein Gruppentyp ist sie auch nicht, allein lebt sie sowieso – wobei es zu Hause immerhin den Kater Anäis gibt. Und das leichten Prickeln, den ihr die Gelegenheitsdiebstähle verschaffen, billiges Zeug, eine Zeitschrift etwa, in nächsten Supermarkt. Nicht, dass sie es nötig hätte, aber es ist das einzige Ungewöhnliche in ihrem Alltag.

Es geht also bei Cho nicht um einen Krimi, sondern um eine psychologische Studie des gut bezahlten Angestellten- und Singledaseins in einer modernen Großstadt. Und hätte Cho seine Geschichte konsequent erzählt, dann wäre daraus mehr geworden als das letztlich harmonistische Geschehen, in das sich „Shoplifter“ verwandelt. Es ist – und das hätte es weiß Gott nicht sein müssen, auch nicht sein dürfen – ein Feelgood-Comic und also doch eine Apologie ebendieses Lebens, das Corrina Park führt. Und das ist angesichts dessen, wie Cho es anlegt, ein verlogenes Projekt.

Allerdings ein sehr gut anzusehendes. Als einzige Zusatzfarbe in den bewusst ohne Rahmenlinien gehaltenen Panels wird ein Rosarot verwendet, das weniger auf ein Happy Ending verweist als auf die Intensität der Existenz in der Stadt (Leseprobe). Es brechen plötzlich stumme doppelseitige Stadtansichten ins Geschehen ein, und Cho ist generell ein Meister der Perspektivverschiebungen – mag sein, dass ihm bei seinem optishen Einfallsreichtum der Rat des Graphikers und Buchgestalters Chip Kidd, dem er eigens dankt, eine gewisse Hilfe gewesen ist. Wenn er zu diesen ästhetischen Fertigkeiten auch noch eine erzählerische Ader entwickelt, dann dürfte aus Michael Cho einer der interessantesten nordamerikanischen Comickünstler werden. Einer, der den jetzt Etablierten die Schau und sich in unser Gedächtnis stiehlt. Letzteres ist den Bildern von „Shoplifter“ schon gelungen.

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Platthaus_AndreasDer Russe ist einer, der Blut liebt
von Andreas Platthaus

Klischee, komm raus: Francois Boucq zeichnet nach einem Szenario von Jerome Charyn den Psychokrimi „Little Tulip“, in dem ein russisches GULag-Kind erst das Lager und dann als Erwachsener eine Mordserie in New York übersteht

Jerome Charyn ist Ende siebzig alt, aber unermüdlich. Der amerikanische Schriftsteller hat nicht einmal mit den eigenen Krimis genug, er betätigt sich auch als Szenarist, besonders gern europäische Zeichner (denn wie sollte in den Vereinigten Staaten ein literarischer Genrecomic Platz am Markt finden?). Für den Schweizer Andreas Gefe hat er schon einmal geschrieben und für Francois Boucq gleich mehrfach, denn diesem 1955 geborenen Franzosen verbindet Charyn die Vorliebe für Hardboiled-Stories. Ihr jüngstes, mittlerweile schon drittes gemeinsames Werk heißt „Little Tulip“. Gerade ist es bei Splitter erschienen.

Es beginnt in New York, Charyns Heimatstadt, die er so gut kennt und immer wieder gern zum Schauplatz seiner Geschichten macht. Diesmal spielt das Geschehen 1979, und Boucq rekonstruiert mit sichtbarer Freude eine Metropole, die damals in ihrer schwersten Krise steckte: Gewaltexzesse, wirtschaftlicher Niedergang, Mafia. Boucq war schon immer ein Künstler des Extremen, seine Figuren sind nie schön, oft ein wenig grotesk, regelmäßig skrupellos. Der Mittvierziger Paul, ein Tätowierer, passt allerdings nur teilweise in dieses Schema.

Paul ist das Kind amerikanischer Kommunisten, die in den späten dreißiger Jahren in die Sowjetunion emigriert sind. Ein Fehler, denn im Kalten Krieg fallen sie Stalins Mißtrauen zum Opfer, und die dreiköpfige Familie wird in den GULag verschleppt. Dort wird der mittlerweile Halbwüchsige von den Eltern getrennt, die beide im Lager den Tod finden. Paul aber überlebt, weil er ein großes Zeichnertalent besitzt und bei einer Häftlingsbande als deren Nachwuchstätowierer reüssiert.

Es ist üblich bei Charyn, daß er als Szenarist die spezifischen Interessen seiner Comiczeichner bedient – hier das Zeichnen selbst zum zentralen Motiv macht. Zugleich wird die physische Drastik, die Bouc zu seinem Markenzeichnen gemacht hat, mit einer Lagergeschichte aus dem hohen sowjetischen Norden besonders herausgefordert. Da wird nach Strich und Faden gemordet, gequält, verstümmelt und ausgebeutet. Die Häftlinge sind sich gegenseitig die schlimmsten Feinde – oder besser: Die Ukrainer im Lager treiben es besonders schlimm. Und ein Vierteljahrhundert später wird Paul seine einstigen Peiniger in New York wiedertreffen.

Die Handlung wechselt zwischen der Sowjetunion der vierziger und fünfziger Jahren und dem New York der Siebziger hin und her. Das amerikanischen Geschehen dreht sich um einen Serienmörder, der als Weihnachtsmann verkleidet Frauen meuchelt. Auch im Land der Freien geht es übel zu, aber welche Überraschung: Es gibt auch über die Untaten eine Verbindung zu Pauls russischer Vergangenheit. Mehr sei besser nicht verraten.

Boucq steht in der realistischen Tradition von Jean Giraud und Hermann. Das ist erst einmal gut. Seine Dekors sind akribisch, seine Farben geschickt eingesetzt, seine Seitenarchitekturen abwechslungsreich, aber niemals effekthascherisch (zwölf Probeseiten finden sich hier). Sehr solider Mainstream also, aber das muß man ja auch erst einmal hinbekommen. Wenige Zeichner sind handwerklich so sicher wie Francois Boucq.

Überraschungen darf man seit etwa zehn Jahren aber auch nicht mehr von ihm erwarten. Er galt einmal als großer Satiriker, das ist vorbei. „Little Tulip“ ist bierernst. Und Charyn nutzt für seine Erzählung alle Klischees über sowjetische Gewalttätigkeit, die man kennt: Willkür, Grausamkeit, Verrat, Heimtücke. Daß die besonders bösen Figuren gerade Ukrainer sind, dürfte keine politische Absicht sein, ist allerdings doch extrem auffällig. Wobei Charyn sich auf die historischen Lagererzählungen stützen kann, die oft von ukrainischen Häftlingsgruppen berichten, die ihren Leidensgenossen das Leben noch mehr zu Hölle machten.

Warum der Band „Little Tulip“ heißt, obwohl das Tätowiermotiv der kleinen Tulpe nie englisch bezeichnet wird, ist rätselhaft – mutmaßlich glaubten französischer und deutscher Verlag, daß es besser klingt. Und warum ganz am Schluß alles noch ins Mystische abdriftet, würde man gern von Charyn erfahren. Vermutlich hält er Russen für so irrational wie nur möglich. Des ungeachtet, liest sich der Band gut, sofern man sich an hardboiled-typischen Grausamkeiten verschiedenster Provenienz nicht allzu sehr stört. Die Lösung des New Yorker Kriminalfalls allerdings ist enttäuschend. Die Vergangenheit von Paul ist weitaus interessanter zu lesen als seine amerikanische Lebensphase.

Comic-Blog

Platthaus_AndreasDeutsche Doppelmonarchie
Wie ich einmal mit Ralf König im Zug mein blaugelbes Wunder erlebte.
von Andreas Platthaus

Kürzlich setzte sich im Zug Ralf König neben mich. Er schaute auf meine Lektüre, Hendrik Dorgathens Comic „Space Dog“ (erschienen 1993, aber immer noch einer der besten deutschen Comics), und fragte mich mit Verweis auf die darunterliegende Tageszeitung, ob das nun für mich die Kür nach der Pflichtlektüre sei. Ich nickte, wobei es nicht ganz stimmte, denn gute Comics zu lesen ist nicht weniger Pflicht als das Interesse am Zeitgeschehen. Er selbst, sagte Ralf König, möge Comics auch sehr gern, allerdings solche, für die er bisweilen seltsam angesehen werde von seinem Umfeld. Denn da gehe es bisweilen sehr drastisch zur Sache, zum Beispiel in seinem persönlichen Lieblingsband „Superparadise“ mit all diesen Schwulen, die da ohne falsche Rücksichtnahme in exzessiven Liebesszenen auftreten. Dabei sei er selbst gar nicht homosexuell, versicherte Ralf König.

Aber solche Comics machten prominent. Als er vor einiger Zeit in Köln in einem Hotel einchecken wollte, habe man ihm angeboten, zum gleichen Preis eine Suite zu beziehen – nur weil er als Ralf König identifiziert worden sei. Das habe er aber abgelehnt. Bisweilen rufe er auch die Facebookseite mit seinem Namen ab, sehe sich an, was von Ralf König da wieder gepostet worden sei und vergebe das eine oder andere Like. „Zurückgeliket“ worden sei er jedoch noch nie.

Bevor nun bei meinen Lesern die Vermutung entsteht, Ralf König litte an einer schweren Identitätskrise oder wäre zumindest ein monomanischer Idiosynkrat, sei aufgeklärt, daß es sich bei meinem Mitfahrer um einen Herrn gleichen Namens, aber aus einer ganz anderen Gegend handelt (obwohl beider Geburtsorte, wie der zweite Ralf König mir sagte, nicht allzu weit voneinander entfernt liegen) und auch nicht um einen Comiczeichner, sondern um einen Psychologen. Schon oft habe ihm sein Name Ralf König große Sympathien beschert, denn ganz unähnlich sehe er dem Comicstar ja nicht (einerseits ja: beide haben einen schütteren Vollbart, andererseits nein: der andere Ralf König ist fülliger als der berühmte). Ungefähr im selben Alter sind die beiden auch noch, und die sexuelle Orientierung sieht man den Menschen ja nicht an.

Erst kürzlich wieder sei ihm, dem zweiten König, das bei der Kontrolle seiner Bahncard passiert. Der Schaffner habe ihn angestarrt wie ein Wundertier, doch bevor der etwas habe sagen können, habe er selbst abgewiegelt: Nein, nein, ich bin nicht der, an den Sie denken. Nicht der bekannte Ralf König. Die Filme, die man nach den Comics seines Namensvetters gemacht hat, möge er nicht, zumindest nicht „Kondom des Grauens“, den er neulich gesehen habe. Aber die Comics seien allesamt großartig, denn hinter der gefälligen Oberfläche verberge sich viel mehr, als man erwarte: gesellschaftliche Fragen zum Beispiel. Und komisch sei es auch immer. Er selbst sei übrigens gerade unterwegs zu einem Parteitag, politisches Engagement mache ihm Spaß. Jetzt erst bemerkte ich die signifikanten Farben von Hemd und Krawatte. Dann war die gemeinsame schöne Zeit mit Ralf König auch schon wieder vorbei; wir stiegen beide aus, unsere Wege trennten sich. Der andere, der berühmte Ralf König dürfte sich wundern, wenn er wüßte, in welcher Partei sein Namensdouble aktiv ist. Und wenn er das hier liest, könnte er den weniger berühmten Ralf König ja mal zurückliken. Solche Fans wünscht man sich doch.